2.2.4 Konstruktivistische Lerntheorie

Der Begriff des Konstruktivismus wurde bereits im 18. Jahrhundert durch den neapolitanischen Philosophen Giambattista Vico geprägt (GRUENDER 1996, S. 21 zitiert nach BLUMSTENGEL 1998). Weitere historische Wurzeln sind die einflussreichen Arbeiten von Comenius, Montessori und Piaget (vgl. auch ENTWISTLE/ENTWISTLE/TAIT 1991 S. 331f, SCHULMEISTER 1996 S. 68f, zitiert nach BLUMSTENGEL 1998). KERSCHENSTEINER befürwortete schon 1907 (zitiert nach RÖLL 2003) das Konzept der Arbeitsschule, in der die Lernenden mit authentischen Situationen konfrontiert werden sollten.

Kern der konstruktivistischen Position ist die Auffassung, dass Wissen durch eine interne subjektive Konstruktion von Ideen und Konzepten entsteht: "...meaning is imposed on the world by us, rather than existing in the world independently of us. There are many ways to structure the world, and there are many meanings or perspectives for any event or concept. Thus there is not a correct meaning that we are striving for." (DUFFY/JONASSEN 1992, S. 3 zitiert nach BLUMSTENGEL 1998).

Lernen wird in diesem Konzept als ein aktiv vom Lernenden gesteuerter und regulierter Prozess angesehen. Es geht hierbei um die Generierung von Lernumgebungen und -partnerschaften, der Lernende ist der Mittelpunkt in dieser Theorie. Das Lernen ist erfahrungsbezogen und handlungsorientiert, der Lernende soll sich selbsttätig und explorativ das Wissen aneignen statt es "eingetrichtert" oder vermittelt zu bekommen, ganz im Sinne von "Probieren geht über Studieren".

Beim expertenunterstützen Lernkonzept entscheidet der Lernende selbst, ob sein Wissen ausreicht oder ob er Hilfe von einem Experten benötigt, wobei Experten sowohl Personen als auch Systeme oder Bibliotheken sein können.

Das Konzept des situierten Lernens kann als eine Kombination kognitionstheoretischer und konstruktivistischer Ansätze gesehen werden (TULODZIECKI et al. 1996, zitiert nach BLUMSTENGEL 1998), wobei die grundsätzliche erkenntnistheoretische Ausrichtung konstruktivistisch geprägt ist (vgl. MANDL/GRUBER/RENKL 1997, S. 168, zitiert nach BLUMSTENGEL 1998). Wissen wird durch die Adaption der konkreten Lebenssituation aufgenommen. Die Wissensaufnahme wird nicht mehr als reine Informationsspeicherung gesehen, sondern im Zusammenhang mit einer Situation, so dass das Erworbene nun auch auf andere Situationen außerhalb der Lernsituation transferiert werden kann. Es gibt unterschiedliche Ansätze innerhalb des situierten Lernens, den kognitionspsychologischen und einen anthropologischen Ansatz. Letzterer besagt, dass für den Lernenden, der dialektische Prozess entscheidend sei, der in Alltagssituationen zu finden ist. Deshalb sei auch der soziale Kontext wichtig, da das Lernen in diesen alltäglichen Situationen stattfindet. "Alle Ansätze des situierten Lernens [..] sehen im aktiven Lösen von komplexen Problemen eine Verbesserung der Anwendungs-qualität des zu erwerbenden Wissens." (RÖLL 2003, S.120) RÖLL stellt hierzu drei Ansätze vor: anchored instruction, cognitive apprenticeship und cognitive flexibility theory. In der Dissertation von BLUMSTENGEL1 wird ebenfalls anchored instruction und cognitive apprenticeship als besonders relevant hervorgeben.

Anchored Instruction

Entwickelt wurde dieser Ansatz von der Cognition and Technology Group at Vanderbilt University (CTGV) als Reaktion auf das Problem, dass gelerntes Wissen nicht in Alltagssituationen angewendet werden kann. Lerninhalte sollen in sinnvollen lebensnahen und authentischen Situationen verankert werden. Von Beginn an existiert ein Anker (anchor), der das Interesse des Lernenden wecken soll und eine Problemsituation darstellt. Die Situation sollte allgemeingültig sein und der Lernende muss die Problemsituation schnell begreifen können. Das daraufhin gelernte Wissen, wird nicht, wie sonst üblich, unter Schulwissen abgespeichert oder möglichweise nur für die Klausur auswendig gelernt, sondern mit dieser konkreten Problemsituation verankert. Der Anker wird häufig als Video produziert, um möglichst viele Sinne der Lernenden anzusprechen. So kann die Aufnahme erleichtert, das Problem besser verstanden und behalten werden (z.B. durch Mimik der Schauspieler).

Cognitive Apprenticeship

In Anlehnung an das handwerkliche deutsche Ausbildungssystem (apprenticeship) wurde dieser Ansatz in den USA entwickelt. "Heute versteht man unter cognitive apprenticeship insbesondere eine interaktive Lernmethode zwischen Lernendem und Experten, die, wenn auch verändert, das traditionelle Meister-Lehrling-Verhältnis auf kognitive Lernziele anwendet" (RÖLL 2003, S. 122). Ein Experte unterstützt dabei den Lernenden, der sich die Verhaltens- und Vorgehensweise des Experten anschaut und diese dann in komplexen Aufgabenstellungen versucht nachzuahmen und eigene Erfahrungen zu sammeln und einzusetzen. Es gibt dabei verschiedene Methoden, die kombi-niert eingesetzt werden können. Das Modelling zeigt zunächst das Verhalten des Experten an einem konkreten Beispiel, danach kann man mit Coaching den Lernenden während einer Aufgabenlösung unterstützen. Mit der Methode Articulation letztlich tauschen Experte und Lernender ihre Denkprozesse aus. Wenn man zunächst noch viel Hilfestellungen gibt und nach und nach immer weniger unterstützt nennt man das Fading, wobei es auch eine Arbeitsteilung geben kann, bei der der Experte die schwierigen Teilaufgaben übernimmt und der Lernende die einfacheren, dies nennt man dann Scaffolding. Reflection bedeutet, dass die Schritte beim Modelling und Articulation verglichen werden, wodurch es zu einem Reflektionsvorgang bei dem Lernenden kommen soll, aber auch die Wiederholung dabei ist gewünscht.

Cognitive Flexibility Theory

Dieser Ansatz wurde für komplexe Probleme entwickelt, da diese andere Fähigkeiten erfordern als einfach strukturierte Probleme. "Der Umgang und die aktive Nutzung und nicht das Weitergeben des zu lernenden Wissen steht im Vordergrund" (RÖLL 2003, S. 124). Der Lernende, der für die komplexen Probleme schon einiges Grundwissen gesammelt hat, arbeitet hier nicht mehr ausschließlich mit einem Lehrenden zusammen, sondern bedient sich weiterer Hilfsmittel wie beispielsweise Hypertexten. Das Wissen wird nun netzartig aufgebaut, da es durch die Hypertexte aus verschiedenen Perspektiven gesammelt wird und dadurch besser erarbeitet werden kann. Außerdem wird das Wissen flexibler und themenübergreifend eingesetzt.

Die Annahme ist, dass Wissen besser gespeichert, eingeordnet und darauf zugegriffen werden kann, wenn es über mehrere Sinneskanäle aufgenommen wird. Dies ist ähnlich dem Anchored Instruction Ansatzes, der deshalb über den Weg der Videos geht. Zur Umsetzung wird hier u.a. "die nonlineare und multidimensionale random access instruction genutzt, mit deren Hilfe es möglich ist, eine multiple Sichtweise anzuwenden und das Material bzw. Objekt in verschiedenen in verschiedenen Kontexten zu zeigen" (RÖLL 2003, S. 124).